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Jede:r ist anders – alle sind gleich!


Tübingen - Diesen Monat steht alles unter dem Motto: Freie Liebe. Passend dazu singt die Sängerin und Aktivistin Liana Georgi Please come and set me free und spricht damit vermutlich vielen Menschen aus der Seele. Der Pride Month möchte darauf aufmerksam machen, dass es in der Liebe keine Grenzen geben sollte und alle Menschen frei in ihren Entscheidungen sind. Doch wie geht es Menschen damit, die eine Veränderung ihrer Sexualität erleben? Wir haben uns mit Fiko getroffen und über ihr Coming-Out gesprochen.


Die Studentin für molekulare Medizin und Genetik kam vor über einem Jahr aus der Türkei nach Deutschland, ursprünglich für ein Erasmus-Jahr. Doch es gefiel ihr so gut, dass sie nun beschlossen hat, ihr gesamtes Studium in Deutschland zu absolvieren. Dabei war jedoch nicht immer alles leicht für sie: „Ich kam hierher für 2 Semester, war aber nicht sehr erfolgreich. Neues Land, neue Sprache, viel Party… Zusätzlich entdeckte ich meine Sexualität in Deutschland, was ich sehr cool, aber auch sehr schmerzhaft fand.“ Fiko arbeitet in der Ada-Bäckerei, einer türkischen Bäckerei auf der Mühlstraße und liebt ihre Arbeit sehr. „Ich liebe es, mit den Menschen zu reden“, schwärmt sie. Mittlerweile gibt es Stammgäste, die nur für sie vorbeischauen – was nicht zuletzt an ihrer herzlichen und aufgeschlossenen Art liegt.


Aufbruch ins Ungewisse

Als wir sie fragen, wie es ihr in Deutschland bisher ergangen ist, meint sie: „Ich hatte schwere Zeiten hier. Ich hatte Höhen und Tiefen.“ Von finanziellen Problemen über kurzzeitige Obdachlosigkeit bis hin zu einer gesamten Identitätskrise war alles dabei. Die Arbeit in der Bäckerei hat ihr eine neue Perspektive gegeben: „Das hier ist meine Familie. Hier sind die Menschen, mit denen ich Zeit verbringe, hier fühle ich mich zu Hause.“ Auf meine Frage, ob sie Heimweh hat, schüttelt sie bestimmt den Kopf:


„Ich nenne Tübingen mein Zuhause, weil hier so viel passiert ist. Hier habe ich meine Sexualität entdeckt und hier habe ich begonnen, mein Leben in Ordnung zu bringen. Darüber bin ich sehr glücklich.“

Als Fiko ganz neu in Deutschland war, wurde sie von einem Bekannten auf ihre Sexualität angesprochen: „Er fragte mich: ‚Mit welchen Pronomen soll ich dich ansprechen?‘ und ich meinte: ‚Gerne mit sie, ich stehe auf Männer.‘ Da schüttelte er den Kopf und sagte mir: ‚Du bist niemals straight.‘ Das brachte mich zum Nachdenken.“ Kurz darauf lernte Fiko eine Frau kennen, die unbekannte Gefühle in ihr weckte: „Immer, wenn sie mich anlächelte, hatte ich Schmetterlinge im Bauch, aber ich konnte es nicht zuordnen. Ich dachte mir allerdings, das fühlt sich nicht mehr nur nach Freundschaft an.“


Das Coming-Out

Fiko suchte das Gespräch mit Freund:innen und Familie. Ihre Schwester war eine der ersten Personen, die von ihren Gefühlen erfuhr und sie darin ermutigte, diesen Gefühlen weiter nachzugehen. Als ihre restlichen Geschwister von ihrem Coming-Out erfuhren, sagten sie zu ihr: „Uns ist das egal, Hauptsache du bist mit den Menschen zusammen, die dich glücklich machen.“ Auch ihre queeren Freund:innen unterstützen sie in ihrer Findungsphase: „Ich sprach auch mit der Frau, für die ich Gefühle entwickelt hatte. Sie war super nett und half mir dabei, mit meinen Gefühlen umzugehen. Ich erzählte ihr, dass ich so etwas davor noch nie gefühlt hatte“.

Mit ihrer jetzigen Erkenntnis muss Fiko jedoch feststellen, dass ihr Interesse für Frauen immer schon da war: „Mein Ex-Freund sagte einmal zu mir: Kannst du dich bitte mehr wie ein Mädchen verhalten?“ Auch ihr Style war immer schon eher maskulin, worin sie unter anderem von ihrer Mutter geprägt wurde. Auf unsere Frage, ob sie mit ihrem Style unterbewusst ihre Sexualität betonen wollte, antwortet sie: „Eigentlich habe ich keinen bestimmten Style. Wenn ich mich feminin fühle, ziehe ich mich entsprechend an. Im Moment, mit dem kurzen Haar, ist das aber etwas schwierig.”


Wenn Prinzipien auf Gefühle treffen

Die Lage in der Türkei ist schwierig für die gläubige Türkin. Sie berichtet von ihren queeren Freund:innen, die mit Diskriminierung und Ablehnung kämpfen müssen: „Menschen mit dieser Ablehnung verstecken sich hinter dem Koran. Der Koran gibt keine Anweisungen, wie die Menschen mit diesem Wandel umgehen können und deswegen haben sie Angst davor.“ Sie selbst bezeichnet sich als gläubig. „Ich glaube nicht daran, dass ich in die Hölle kommen werde, weil ich Alkohol trinke und Frauen liebe. Ich versuche, ein guter Mensch zu sein. Die erste Regel des Korans lautet: lese, denke, verstehe - Und das mache ich. Manche Menschen verpassen das Leben vor lauter Angst und dem Drang, sich nach Regeln zu richten.“


Die Macht des Dialogs

Fiko ist es sehr wichtig, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wenn sie Ablehnung spürt, spricht sie die Personen darauf an. „Es ist das gleiche mit dem Aussehen. Manchmal sind Kund:innen irritiert, wenn sie mich Türkisch sprechen hören. Dann sagen sie zu mir: ‚Bist du Türkin? Du siehst gar nicht wie eine aus.‘ Ich sage dann nur: ‚Ich sehe aus wie ein Mensch, richtig?‘“ Fiko glaubt daran, dass Menschen ihre Perspektive ändern werden, wenn sie sich auf den Dialog einlassen. Deswegen ist es ihr auch ein Anliegen, immer wieder mit Menschen über diese Themen zu sprechen. Sie selbst empfindet ihr Coming-Out wie die Entdeckung eines Teils ihrer selbst: „Es ist ein bisschen so, als wenn du dir ein neues Handy kaufst. Wenn du es schließlich besitzt, bist du stolz darauf und möchtest es allen zeigen. So fühle ich mich mit meiner neu entdeckten Sexualität. Ich habe sie gefunden, es hat mein Leben verändert und ich halte sie ganz fest bei mir.“

Wir fragen Fiko zum Abschluss, welchen Ratschlag sie Menschen geben kann, die sich in einer ähnlichen Situation befinden:


„Deine Gedanken und deine Sexualität gehören nur dir. Sei du selbst und suche dir Menschen in deinem Leben, die dich so lieben, wie du bist. Und kümmere dich um dich selbst, denn du bist der einzige Mensch, der sich bis zum Ende deines Lebens um dich kümmern wird.“

Fotos: Stadtkind Tübingen; © Instagram: callmefiko


Autorin: Julia Gonser

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